Shadowrun 5 Seattle

Kollektiver Wahnsinn

Aus Zagroschims unveröffentlichten Tagebüchern,
später bekannt als die Chroniken von Zagroschims Wundertaten

Der Run war vorüber, aber die Probleme sollten gerade erst anfangen.
Immerhin war es Hawk gelungen den fetten Mexikaner zu erschießen und obwohl es mir gelungen war diesen vorrübergehend zu stabilisieren, hatte der hektische Ritt auf Isabeauxs hübschen Schultern ihm den Rest gegeben.
Drek, wie Jester es ausdrücken würde. Dazu kam, dass in dessen persönlichen Aufzeichnungen nicht viel zu holen war. Aber immerhin ein wenig. Wir hatten ein Gesicht zu dem Russen, mit dem der Mexikaner gestritten hatte. Mikael Grosny, einer der Topleute der Russenmafia.
Miss Isabeaux entsorgte den Mexikaner bei ihrem Fleischhändler, aber statt wenigstens noch ein paar Nuyen für die Cyberware zu bekommen, wurde sie noch recht unsanft darüber informiert, das wir die nächste Leiche doch frisch liefern sollten. Als ob das ganze Thema nicht so schon unzivilisiert und ekelig genug wäre.

Am Vorabend, kurz bevor wir uns trennten, hatte ich Jack beiseite gezogen und ihm unter vier Augen recht bestimmt mitgeteilt, dass die drei Schließkästen, welche er in seiner Tasche trug, nur in unserem Beisein zu öffnen waren. So blieb jedem genug Zeit seine Wunden zu lecken und wieder frisch im Kopf zu werden.
Am nächsten Mittag dann, als wir uns in unserer Stammkneipe trafen, legte Jack, unschuldig lächelnd genau zwei Schließkassetten auf den Tisch. Frustriert blickte ich auf, war ich etwa nicht eindeutig genug gewesen?
Also begann ich ihm meinen Standpunkt klarzumachen. Wenn er nicht mit offenen Karten spielt, können wir ihm nicht vertrauen. Wir kannten ihn kaum ein paar Stunden und auch wenn ich große Stücke auf Miss Isabeaux halte, kann ich doch nicht behaupten deren uneingeschränktes Vertrauen bereits zu teilen. Jack hatte sich als Ruhepol und äußerst vernünftig eingebracht und ich mochte ihn auch recht gut leiden, aber noch ein Solostar würde unser Ensemble ganz sicher auseinandertreiben. Wenn wir etwas erreichen wollten, zum Beispiel überleben, dann mussten wir lernen, als wir zu funktionieren.
Natürlich waren alle wieder unterschiedlicher Meinung, Miss Isabeaux verteidigte ihren Freund auf Teufel komm raus, Wheelz! fand in typischer Straßenmanier, dass Dinge die nicht gesagt worden waren und die den Run nur am Rande streiften, wo man natürlich unterschiedlichster Meinung sein kann, kein Vertrauensbruch seien, sondern allein Privatgeschäfte.
Jester schloss sich meiner Meinung an und ebenso Hawk, bei dem ich dies, nach seinen ständigen Unabhängigkeitsbeteuerungen, auch eher aufgesetzt empfand.
Allerdings wurde mal wieder ganz schnell klar, dass wir nicht beschlussfähig waren. So blieb mir nichts, als Jack offen anzublicken und ihm zu sagen, dass wir bereit waren die Probleme, verdeckten Verpflichtungen und anderweitigen Probleme unserer Kameraden zu tolerieren, solange sie uns soweit eben möglich einweihten. Sollte sein unheimlicher Schieber ruhig herum spuken, solange wir eine Vorwarnung hatten, würden wir damit schon umzugehen wissen. Schließlich ging es mir auch nicht zwingend um die Schließkassette, sondern um die fehlende Vorabinfo und insbesondere um seine dreiste Ignoranz, als er mit drei Kassetten abzog und nur zwei zurückbrachte.

Als ob dies nicht genug Ärger wäre, ging es gleich weiter, in den Kassetten fanden sich Wertgegenstände und Bargeld. Ersteres vertickte Jester, zweiteres kam erst mal in die Gemeinschaftskasse. Soweit so gut, doch in zwei Kisten fanden sich Datensticks, mit ziemlich brisantem Zeug. Eine ganze Menge von dem was der Mexikaner abgezogen hatte, recht aktuell und sicher nicht ganz wertlos. Jester sprach sich sehr vehement dafür aus, die Daten asap an Rose zu verkaufen. Zum einen um ihre Kontakte zu mehren und zum anderen, um im Zweifelsfall einige lukrative Aufträge dafür zu erhalten. Hawk war besessen davon zuerst einmal alles zu sichten und wollte nichts davon hören, was Jester vorschlug.
Obwohl ich inhaltlich zu Jesters Idee tendierte und auch Isabeaux die Sache für eine gute Idee hielt, war ich doch weniger davon überzeugt, ob ein oder zwei Stunden mehr, hier einen so großen Unterschied machen würden. Insbesondere im Hinblick auf die Tatsache, dass man damit den Gruppenfrieden nicht erneut ins Wanken brachte.
Jester sah das anders und recht bald schmiss ihm unsere Diva eine Datenkopie vor die Füße und stürmte mit den Worten: „Mach doch was du willst!“ aus dem Raum. Was Jester dann auch machte. Er fand Rose Blankoangebot, alle Daten exklusiv, ohne vorherige Einsicht zum Preis von 20.000 Nuyen einfach unwiderstehlich und da er sich ja sowieso für unseren Entscheider hielt, nahm er das Angebot sogleich an und versprach Rose sogar, dafür zu sorgen, dass Hawk die Exklusivität ihrer Daten nicht beeinträchtigte. Und das alles über eine Leitung, über die unsere Diva mithörte …

Damit war natürlich mal wieder alles durcheinander. Hawk, den wir zur Sichtung der weiteren Daten brauchten war fort und meldete sich auch weder auf freundliche Anrufe noch auf Kommandos oder wutschnaufende Kommentare.
Soweit ausgebremst machten sich Jester und Isabeaux auf den Weg die Wertgegenstände an Jon Dealer zu verkaufen und bei Sam einen guten Preis für die beiden Waffenfoki, welche Miss Isabeaux eingesteckt hatte, herauszuschlagen. Es war weniger als erhofft, aber zumindest ein recht ansehnliches Sümmchen. Zuletzt blieben für jeden von uns gut 10.000 Nuyen übrig, genug für die nächste Miete.

Derweil beschäftigten Jack und ich uns mit Mr. Darokin und Chaos Theory. In den Daten des fetten Mexikaners waren einige Sachen recht deutlich hinterlegt. Darokin war am Abend nach meinem Tod mit dem Mexikaner zusammengekommen und hatte diesem reichlich Geld für Zagroschims Tod geboten. Dieser hatte, wenig später dann, den Hacker Chaos Theory mit der Durchführung beauftragt. Dieser saß also nun auf den 150.000 Nuyen und schaute genüsslich zu, wie diverse Killer sich bemühten, dieses abzugreifen. An sich ja auch ein lauer Job, aber ihr werdet verstehen, dass ich dies ein wenig persönlich nahm.
Schnell war auch Jack klar, dass dieser Wurm von Darokin erst Ruhe geben würde, wenn er den Tod gefunden hatte und dass es bei unseren mangelnden Ressourcen sehr sinnvoll war, diesen Hacker mal zu besuchen, ihm zu sagen, dass der Auftrag mit dem Mexikaner gestorben sei und das Geld umzubuchen.
Bloß dass wir auch dafür Hawk benötigten. Denn wir hatten zwar das Urknallicon von Chaos Theory und wir hatten auch einen Namen, aber auch nicht mehr und Hacker lassen sich nun mal am besten in der Matrix finden.

Es sollte einen ganzen Tag dauern, bis Hawk sich beruhigt hatte. Wir luden also Jack zu uns ein um alles bei einem gemütlichen Frühstück zu erörtern. Nach dem Konflikt am Vormittag und der recht wirren Gruppenhaltung hielt ich es für das Beste auf meinen gesunden Menschenverstand zu vertrauen und zu hoffen, dass es mit Jack besser würde, als mit einem weiteren unabhängigen Mitarbeiter, wie sich Hawk sah.
Jack bekam also seinen Anteil und eine Führung durchs Haus, ehe Hawk uns nun endlich darüber informierte, was er herausgefunden hatte. Chaos Theory war in der Matrix nicht unbekannt. Recht häufig besuchte er einen Matrixclub, anscheinend ohne sich große Gedanken darüber zu machen, was es bedeutete sich regelmäßig irgendwo blicken zu lassen, wenn man nicht gefunden werden wollte.
Dazu kam das Profil, Loyal zuverlässig und erfolgreich, lässt sich leicht ablenken und ist sprunghaft.
Zuerst waren wir verwirrt, aber als Hawk ihm einen Schleicher verpasste und dieser uns den Standort des Hackers lieferte, wurde alles klar. Er war noch ein Kind, der während des Unterrichts und auch sonst wahrscheinlich wenig Besseres zu tun hatte, als sich in der Matrix rumzutreiben.
Umso besser, denn ein Kind war nun wirklich recht leicht einzuschüchtern und gewiss wäre dieser auch nicht versessen darauf, den Rest seiner Schulzeit von einer Zelle aus zu lernen.

Der Besuch bei Chaos Theory, einer jungen rechtaufgeweckten Dame aus gutem Elternhaus mit gleich zwei Bodyguards erwies sich als ziemlich erfolgreich. Die junge Dame war zwar nicht erfreut, aber doch kooperationsbereit. Sie ließ mit sich handeln und zuletzt nahm sie alle Kopfgeldaufträge aus dem Netz. Alle, damit niemand wusste, wo unser Interesse an der Sache lag! Wir erhielten, gar nicht mal so unerfreuliche 20.000 Nuyen pro Nase, 40% von allen Preisgeldern. Und dazu eine neue Freundin, mit der man sicher den einen oder anderen Deal starten konnte. Insbesondere wenn Hawk mal wieder zickte, würde ich mich an meine neue Freundin erinnern und dafür sorgen, dass wir auch ohne ihn zurechtkamen.

Außerdem hatte ich für meinen Teil beschlossen, dass es nun genug war. Ein paar Mal hatte ich es mit freundlichen Hinweisen versucht, ein paar Mal mit dreisten Kommentaren und auch ein paar Mal mit guten Argumenten, doch bisher hatte ich nicht mehr Erfolg unseren wilden Haufen zu einen, als ich es bei einer Schar Hühner gehabt hätte.
Der Spaß war nun vorbei, ich würde meine Armeen um mich scharen und die Flammen der Erneuerung auf all jene herabregnen lassen, deren Verhalten, nennen wir es einmal, ausbaufähig war.

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Zagroschim

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