Shadowrun 5 Seattle

Wunder

Aus Zagroschims unveröffentlichten Tagebüchern,
später bekannt als die Chroniken von Zagroschims Wundertaten

Es war, als hätte jemand oder etwas die Köpfe meiner Gefährten genommen und sie richtigherum wieder aufgesetzt. Wo zuletzt Hawk und Jester darum rangen, wer von ihnen die größere Diva sei und dabei bewiesen, wie wenig sie die Idee eines Teams zu würdigen wussten, kam diesmal alles anders.
Jester hatte bereits, wahrscheinlich durch einen Rüffel von der hübschen Miss Isabeaux erkannt, dass seine selbstherrlichen Verhandlungsmethoden bei uns nicht recht ankamen und von sich aus angesprochen, dass er in Zukunft Rücksprache halten würde, ehe er seine Verhandlungsergebnisse umsetzte.
Doch die echte Überraschung war Hawk, der sich für sein nerviges Treiben nicht nur entschuldigte, sondern sogar soweit ging zu erklären, dass er lange über den Teamgedanken nachgesonnen habe und nun bereit war, sich voll in den Dienst unserer Truppe zu stellen. Keine unsinnigen Alleingänge mehr und die Bereitschaft mit uns zu reden, ehe er sich auf ein Abenteuer neben unseren normalen Wegen einließ.
Selbst mit meiner Bühnenerfahrung gelang es mir nicht meine Überraschung vollkommen zu verbergen. Doch nach dem Schreckmoment kam das Lächeln. Endlich, ich hatte schon geglaubt ich müsste erst die flammende Revolution anzetteln, hatten sich meine Gefährten zusammengerauft. Lächelnd warf ich Hawk ein weiteres Bier zu, um den Abend in geselliger Plauderei zu verleben.

Doch nicht nur dies gehörte zu den wundersamen Erfolgen der letzten Tage. Nachdem nun das Kopfgeld auf mich der Vergangenheit angehörte, blieb trotzdem wenig, als sich gedanklich daran zu gewöhnen, dass dieser Wurm Darokin erst zufrieden sein würde, wenn ich tot wäre.
Es hieß, er oder ich!
Allerdings war es ja nicht so ganz einfach mal so eben in eine der Superarcaden einzudringen, zu klingeln und Darokin das Lebenslicht auszupusten. Zumal ich auch nicht gerade scharf darauf war zu sehen, wie dessen Hirn über den Boden quoll. Und am allerwenigsten wollte ich Miss Helena gefährden!

Dennoch brauchten wir sie, um ein paar Informationen zu erlangen. Wo würde Darokin in näherer Zukunft hinfahren, wo konnten wir ihn abfangen und vielleicht mit einem gezielten Schuss erledigen. Die Antwort kam prompt, wenn auch ein bisschen unpassend. Heute Abend würde Darokin mit Miss Helena ein Hotel eröffnen. Ein großes Galadinner aller Geldgeber, bei dem die beiden in der ersten Reihe sitzen würden.
Das würde knapp werden, aber auf einen ähnlich günstigen Zeitpunkt würden wir vielleicht wochenlang warten müssen. Wir besorgten eilig ein U-Boot, mit dem wir an der Küste entlang bis zum seewärts gerichteten Hotel schippern konnten, um von dort zu Tiefgarage zu schleichen, wo wir Darokins Chauffeur auszuschalten trachteten. Dann würden Darokin und die wunderschöne Miss Helena ahnungslos in die Limousine steigen, wo wir beide betäuben würden, um dann über eine der Distriktgrenzen zu entkommen, den Wurm Darokin zu erledigen und darauf zu bauen, dass die Rettungstrupps Miss Helena fanden, ehe üble Gesellen ihr etwas antun konnten.
Ein etwas ambitionierter Plan, aber bei dem Zeitfenster das Beste was wir auszubrüten wussten.

Wir erkletterten, nach problemloser, wenn auch nicht für alle angenehmer Anreise, die Kaimauer, wo Hawk sich um die Kameras kümmerte, derweil ich uns unsichtbar werden ließ. Hinein ins Hotel, vorbei an weiteren Sensoren bis in den Fahrstuhl, der hinab zur Tiefgarage führte. Hier zerschlug sich dann beinahe unsere ach so sorglose Planung. Meine Wenigkeit, die einen betrunkenen Galateilnehmer mimte, lenkte alle Blicke auf sich. Was auch ganz gut war, denn Hawks Versuche das Hotel zu narren scheiterten und er musste sich, ehe er in Schwierigkeiten geraten konnte, ausloggen und auf einmal standen wir ohne Matrixschutz da.
Zumindest meine Zauber erwiesen sich als zuverlässig. Unsichtbar konnten die beiden sich an den Chauffeur heranpirschen und ihn mit Komapatches ins Reich der Träume schicken. Einen winzigen Moment sah es so aus, als würden nicht einmal vier Patches genügen, doch dann sackte der Kerl doch noch zusammen, nur um im selben Augenblick von Hawk und Jester aufgefangen zu werden. Der Kerl, mit mehr Cybergliedmaßen ausgestattet, als ich es je zu sehen erhofft hatte, war beinahe so massiv wie guter Stahl und so war es für die beiden Schwerstarbeit diesen auf den Beifahrersitz zu hieven, ehe Darokin und Miss Helena auftauchten.
Gerade rechtzeitig waren wir alle in Position, Hawk und ich unsichtbar im hinteren Teil der Stretchlimousine, Jester als Fahrer vorn neben der Tür um den Herrschaften beim Einstieg behilflich zu sein. Die Türen schlossen sich, ohne dass dieser Wurm oder die bezaubernde Miss Helena auch nur etwas ahnten und wir fuhren in Richtung Sicherheit.
Darokin hielt es für unter seiner Würde den Schaulustigen zu winken und wir waren dessen ganz und gar nicht unglücklich. Bald lag die rote Meile hinter uns und niemand war mehr da, der beobachtet hätte, wenn unser Wagen sich in andere Gefilde aufmachte. Nur leider kam gerade da ein Anruf an Mr. Darokin, indem ihm Mikael, wahrscheinlich eben jener Russenboss, dem wir erst kürzlich diesen fetten Mexikaner ausgeknockt hatten, beschied, er solle Miss Helena absetzen und sich mit ihm treffen. Nicht gerade das was wir nun brauchten.

Ich hörte Hawks Stimme in meinem Kopf 3 … 2… 1… los und ein weitere Ladung Komapatches später waren Miss Helena und dieser ekelige Wurm Darokin ausgeknockt. Hawk hatte sich um Darokin gekümmert, während ich, beinahe sanft, Miss Helena ins Reich der Träume befördert hatte. Wie gern hätte ich sie berührt, ihr gesagt wie sehr ich sie liebe, aber sie durfte rein gar nichts wissen und jedes Haar und jeder Fingerabdruck von mir könnten nicht nur uns, sondern insbesondere ihr zum Verhängnis werden.
Nun wurde es Zeit uns abzusetzen. Was aber nicht ganz so leicht war wie wir es uns erhofft hatten. Eine schnelle Untersuchung der Beiden zeigte ein wenig Schmuck, viel nichtige Habe und natürlich, wir hätten viel früher daran denken müssen, Doc Wagon Bänder, die nun Alarm gaben und dazu führten, dass in weniger als ein paar Minuten, wahrscheinlich ein Warbird samt Squadteam hier auflaufen würde.
Natürlich waren wir vorbereitet, unser Störsender blockierte den Peilsender unseres Wagens, damit Darokins Sicherheitsdienst nicht wusste wo wir waren und natürlich auch die Doc Wagon Signale, legte damit aber zugleich den Gridlink unseres Autos lahm, was beinahe zu einer Kollision geführt hätte.
Mit durchgedrücktem Pedal fuhren wir zur Grenze, wo wir langsamer wurden, damit Hawk die Kontrollen lahmlegen konnte. Nur leider nicht alle, die Scanner entdeckten bewusstlose Personen und empfahlen einen Besuch in einem örtlichen Krankenhaus. Bruchteile von Sekunden später drückte Jester das Gaspedal durch, derweil Hawk den Störsender wieder aktivierte. Hinter uns stiegen Ein-Mann-Hubschrauber auf und die Grenze wurde in grelles Licht getaucht.
Sei es drum, wir waren raus aus dem Gröbsten, hier in der A-Gegend würden wir uns absetzen können und dann würde Wheelz! uns einsammeln. Es galt nur noch eines zu erledigen und dabei wollte mir Hawk keine Hilfe sein. Er reichte mir seine Pistole und deutete stumm auf Darokin. Mein Herz stockte, ich hasste diesen Kerl, aber ich hatte noch nie einen Menschen getötet und wollte ganz sicher auch niemals in eine solche Situation kommen. Nun lag dieser Wurm wehrlos vor mir und meine Hände zitterten wie Espenlaub. Ich nahm meinen Willen zusammen, vor diesen Moment hatte ich mich gefürchtet, aber auch darauf gehofft. Ganz nah führte ich die Pistole an Darokins Schläfe, drückte ab und musste mich beinahe übergeben. Drückte erneut ab, unterdrückte den Brechreiz und schoss ein drittes Mal, um ganz sicher zu sein.
Unsichtbar, aber für mich deutlich fühlbar besudelt mit Blut, rannte ich los, nur geleitet von den Stimmen meiner Gefährten die ich kaum wahrnahm, es hieß nur noch funktionieren, bis ich endlich all das But von mir waschen konnte und Ekel und Abscheu in Alkohol ertränken konnte. Mehr wie in einem Film, als wirklich real, nahm ich noch wahr, wie Hawk seinen Sporn ein letztes Mal in Darokins Schädel rammte, ehe auch er losstürmte.
Sechs Blocks weiter, hinter uns schwirrten Geister und Helis und auch der Kampfjet einer Doc Wagon Einheit, stiegen wir in die schützende Sicherheit von Wheelz! Wagen. Mein Gott wie dankbar war ich, als er eine Minibar öffnete. Ich trank, nicht annähernd genug, aber doch ausreichend, um wenigstens nach Hause zu kommen, wo ich Bier und anders mit unter die Dusche nahm, mich dort an der Wand niedersinken ließ und einfach ins Leere starrte. Miss Helena war frei, Darokin tot und vernichtet, warum nur fühlte sich alles so falsch und widerlich an. Ich wusste es, aber ich würde es nicht einmal vor mir selbst aussprechen. Ich war ein Mör… .
Irgendwann weckten sie mich und trugen mich ins Bett, aber ich war so fern, dass ich mich nicht einmal bedanken konnte. Immerhin hatten meine Gefährten nur für mich, die Rache an Darokin durchgezogen und nun kümmerten sie sich sogar darum, wie es mir mit meinen Gefühlen ging.
Gedanken die durch meinen Kopf geisterten, nur um sich wieder zu verlieren, bis sich endlich erneut Schwärze herabsenkte.

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Zagroschim

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