Shadowrun 5 Seattle

Wunden lecken

Aus Zagroschims unveröffentlichten Tagebüchern, später bekannt als die Chroniken von Zagroschims Wundertaten.

Endlich zu Hause, blieb uns etwas Zeit zum verschnaufen. Der Colonel war eh ausgeknockt und auch Hawk war noch nicht wieder beisammen. So machte ich mich daran mit Sam über eine geeignete Zauberformel zu sprechen, mit der ich meine Gefährten noch aktiver unterstützen konnte und begann diese zu verinnerlichen.
Als Hawk dann erwachte, war ich bereit mitzukommen, zum einen, weil Nancy ein wirklich recht entzückender Anblick ist und zum anderen, weil Hawk, so nervig er auch ist, ein Teil unseres Teams ist.
Der Besuch verlief, bis auf ein paar Anzüglichkeiten ziemlich ereignislos und so machte ich mir, derweil ich mit Symbolen für meine Gefährten jonglierte Gedanken darum, wie ich uns alle ein wenig in die richtige Richtung koordinieren könnte. Ja natürlich war und ist Jester unser Anführer, aber wir wissen doch alle, dass es manchmal auch nach verlangt, der ein wenig tiefer denkt, derweil das Tagesgeschäft vor sich hin plätschert.
Natürlich waren meine Gefährten gar nicht begeistert davon, dass ihre Abbilder eher meiner Meinung von ihnen entsprachen, als ihren realen gestalten nahe zu kommen. Insbesondere Hawk war mal wieder indigniert, oder wie er sagen würde angepisst, weil er nicht mehr darstellte als ein gerupftes Huhn, aber in seinem weißen Krankenkittel war er nun wirklich kein stolzer Falke.

Es kam wie so oft, kaum zu Hause drehten sich die Gedanken wieder um dieselben leidigen Themen, zu denen wir schon in den letzten Wochen keine entscheidenden Ergebnisse erreicht hatten.
Die 150.000 Nuyen auf meinen Kopf, die nur von diesem Wurm von Darokin stammen können. Leider war es schwierig, an diesen direkt ranzukommen und ebenso schwierig, an jene zu gelangen, die als Subunternehmer für die Umsetzung des Kopfgeldes zuständig waren.
Zwar hatten wir ein paar Ideen, aber so recht unternehmungslustig war keiner meiner Gefährten, viel zu diffus waren die Informationen. So kam es auch, dass sich alle Augen zu mir und meiner Beziehung zu Miss Helena wandten. Natürlich hatte ich keinen Bedarf all meine privaten Sorgen und Ängste mit diesen lauten recht ungehobelten Gesellen zu teilen und mit jeder ein wenig undeutlich formulierten Antwort machten sich meine Gefährten mehr auf den Weg zu spotten und zu lästern, als wirklich hilfreich an unserem Problem zu arbeiten. Bald schon schwang die Stimmung um und nicht mehr bloß meine Person, sondern gar die wunderbare Miss Helena wurde Teil ihres anzüglich und ziemlich hemmungslosen Spotts.
Genug war genug und ich verschwand wortlos in mein Zimmer. Mit mir durften sie spaßen, denn auch ich bin nicht immer so diskret und zurückhaltend, wie es die Höflichkeit gebietet, aber keiner von ihnen kannte Miss Helena und ganz sicher hatte niemand das recht so über diese wundervolle Rose zu sprechen.

Eine ganze Weile später, als sich Miss Isabeaux und Jester entschuldigt hatten, war ich bereit die Planungen erneut aufleben zu lassen, nicht jedoch, ohne vorher deutlich klarzustellen, dass beim Spott über meine große Liebe der Spaß aufhört.
Da unsere Gespräche, insbesondere über das Indianerproblem mal wieder ziemlich erfolglos versackten, da uns angeblich zu wenig Zeit blieb, weil wir uns auf das Kopfgeld fokussieren sollten, entstand bald eine unangenehme Stille, die Miss Isabeaux nutzte, um sich mit mir auf ein paar private Worte zu treffen.
In ihrer nur halb diplomatischen Art, fand sie mal wieder die Möglichkeit ihre Entschuldigung mit einem Vorwurf zu koppeln, aber dennoch war sie am ehesten bereit und in der Lage meine Gefühle und meine Situation zu verstehen. So sah ich über ihren Vorwurf, ich hätte doch wirklich nicht rumdrucksen sollen, wenn es schon darum geht mein Leben und mein Scheitern mit meinen Gefährten zu teilen und all meine Geheimnisse auszuplaudern, großzügig hinweg und erzählte ihr, wie es damals zu meiner Liebe zu Miss Helena kam.

Es war ein paar Jahre nachdem mein Aufstieg begonnen hatte. Darokin, damals mein Manager und angeblich mein Freund, sorgte dafür, dass mein Stern jeden Tag heller erstrahlte und meine fantastischen Möglichkeiten ließen nicht zu, dass auch nur der Hauch eines Zweifels an meinem zukünftigen und unbegrenztem Ruhm aufkam. So lernte ich auch Miss Helena kennen, Darokins Frau, nicht mehr als ein Aushängeschild für diesen, derweil er sich mit anderen Frauen vergnügte, zwar dezent, aber auf seine schmierige hinterhältige Art. Selbstverständlich war es an mir Miss Helena zu trösten und ihren Kummer zu teilen. Damals verteidigte ich Darokin, denn er schien mir zwar ein wenig unfair, aber meine rosarote Brille verbat es mir, ihn als das zu erkennen, was er ist. Ein hinterlistiger, selbstsüchtiger, egozentrischer Wurm, den kein schwieriger Trick zu fein ist und der bereit ist, nur für ein paar Nuyen jeden über die Klinge springen zu lassen.
Es hätte so schön sein können, Miss Helena und ich waren weit diskreter, als Darokin es jemals war und ich versuchte sogar ein oder zweimal diesem Wurm klarzumachen, dass seine Frau nicht glücklich sei und er in Erwägung ziehen sollte, sie freizugeben. Natürlich nicht ganz ohne eigenes Interesse, aber in erster Linie, für meine große Liebe, deren Glück für mich an oberster Stelle stand und bis heute steht.

Bis heute weiß ich nicht sicher, ob es daran lag, dass Darokin von unserer Liebe erfuhr, oder ich auf anderem Wege seinen Groll geweckt hatte, aber eines Tages verschwor sich die Welt gegen mich und innerhalb von weniger als drei Monaten, war aus Zagroschim dem Wunderbaren, dem Star der High Society, eine Person non Grata geworden, die niemand auftreten lassen wollte und schlimmer noch, die kaum noch jemand sehen wollte.

Heute habe ich mir einiges zusammengereimt, wo Darokin an welcher Strippe gezogen hat und welchen Hebel er umgelegt hat, um zu erreichen, was er wollte, aber nichts davon half mir, den Prozess anzuhalten, oder gar umzukehren.
Als ich dann vor ein paar Wochen meine Rückkehr feierte, direkt vor Darokins geifernden Augen, muss ich ihn wohl ein wenig zu sehr geärgert haben. Er scheint das Spiel mit meinem Tod durchschaut zu haben und hat das nötige Kleingeld um dafür zu sorgen, dass mein Leben nichts mehr wert ist, es sei denn, ich fände einen Weg ihn ebenso gründlich loszuwerden, wie er es mit Zagroschim dem Wunderbaren geschafft hat.

Als endlich allesheraus war, staunte Miss Isabeaux nicht schlecht, vielleicht verstand sie nun ein wenig besser, dass hinter der aufgesetzten Maske ein verletzlicher Geist wohnt. Dass es ein Teil Selbstschutz war, nicht jedem meine Gefühle zu offenbaren. Insbesondere Hawk nicht, dessen grobschlächtige Art und latente Aggression gegen mich unseren Umgang arg belastete.

Soweit besänftigt und auch ein wenig nachdenklich, zog ich mich zurück, um Miss Helena einen Nachricht zu schicken. Viel zu lange hatte ich nicht von mir hören lassen und so wurde die Nachricht ein wenig länger als geplant und noch ein paar Sätze länger, als ich eine Bitte an sie herantrug. Wenn Darokin drin hing und davon ging ich stark aus, musste er in den Stunden nach dem Auftritt und dem ersten Auftauchen des Kopfgeldes, Kontakt mit jemandem gehabt haben, dem er sein Geld anvertrauen wollte und dem er zutraute, aus meinem scheinbaren Ableben ein endgültiges zu machen. Natürlich warnte ich auch vor den Risiken und betonte, dass eine solche Lappalie es natürlich nicht wert sei, ihre Sicherheit auch nur um eine Winzigkeit außer Acht zu lassen. Schließlich würde ich auch so klarkommen und das Problem lösen.

Nachdem wir uns alle geeinigt hatten, dass für das Indianerproblem zu wenig Zeit sei und das Kopfgeld uns unter den Nägeln brannte, war es mal wieder Hawk der mich verblüffte und erzürnte. Er erklärte uns, schlichtweg, dass er ein paar Nachforschungen zu erledigen habe und er deswegen die nächsten zwei Wochen nicht verfügbar sei. Punkt eins, ich werde nicht gern angelogen, schon gar nicht auf so plumpe Art und Weise und erinnerte mich auch daran, dass dies ein No Go auf unserer Teamliste hätte sein können und zum zweiten, war es eben Hawk gewesen, der am vehementesten darauf gedrungen hatte, dass uns ja keine Zeit bliebe und der nun seine Interessen vor die unseren setzte.
Mein Ärger kochte hoch und ich beschloss ihm einmal vorzuführen, wie tief wir bereits gemeinsam im Dreck saßen, geschützt nur durch das Wir, welches er so kräftig verabscheute.

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Zagroschim

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