Shadowrun 5 Seattle

Politik

12.06.2075

Aus Zagroschims unveröffentlichten Tagebüchern,
später bekannt als die Chroniken von Zagroschims Wundertaten

Es war beinahe wie früher, beisammensitzen in geselliger Runde und über Politik und die wahrhaft wichtigen Dinge der Welt philosophieren. Nun nicht ganz wie früher, denn die Perspektive hatte sich gewandelt, aber zumindest ähnlich, denn an unseren Fäden, würde die Politik tanzen.

Doch ich greife vor. Jester rief uns ein paar Tage später an, er klang ein wenig angespannt, obwohl er wie stets, seine Stimmung wohl verborgen hielt. Sein Kontakt, Stadtrat Hess, der wohl bei mehr als einem unserer Runs vertrauliche Informationen beigesteuert hatte, war an ihn herangetreten und hatte sich nun seinerseits Unterstützung erbeten. Die Wahl in Seattle war nur noch zehn Tage hin und wollte er seinen Bezirk sicher gewinnen, mussten noch einige Rädchen bewegt werden. Dies allein wäre ja nun kein Problem, doch zugleich durfte Herr Müller, dem Spitzenkandidaten der Sozialisten, kein Haar gekrümmt werden, nicht einmal durfte dessen Ruf geschädigt werden, oder seine Karriere auch nur ein bisschen stocken. Die beiden waren Freunde, aber der Stadtrat zog es vor, selbst in freundschaftlichem Gerangel um einen Posten die besseren Karten zu besitzen. Ein kluger Mann, wie ich hier anmerken möchte.

Schon seit Jahren hatte ich mich nicht mehr mit Politik befasst, wozu auch und so dauerte es ein wenig die Situation voll zu erfassen.
Stadtrat Hess und seine Konservative Partei hatte ungefähr 37% der Stimmen, die Sozialisten hinter Stadtrat Müller ebenso. Unterstützt wurden die Konservativen vom metamenschenfeindlichen Humanis Policlub und die Sozialisten, von den radikal angehauchten Umweltaktivisten.
Somit gab es in Renton ein Kopf an Kopf Rennen, dass wir zu entscheiden hatten.
Metamenschen Vandalismus um die Konservativen zu stärken schoss uns durch den Kopf, vielleicht als Illusion, gemischt mit einer Truppe Narren, die die Polizei dann verhaften konnte.
Falsche Nachrichten lancieren, entweder gegen die anderen, oder gegen Stadtrat Hess, um dann von einer Schmutzkampagne gegen ihn zu sprechen und einen öffentlichen Widerruf zu erzwingen.
Wahlwerbung manipulieren, indem man die AR ein wenig umgestaltet, oder den ein oder anderen Slogan ändert. Oder aber einfach die Wahlagentur der Sozialisten mit ein paar Fehlern diskreditieren. Die Wahlrede Stadtrat Müllers aus der letzten Wahlperiode, Wahlpräsente die bereits abgelaufen oder von minderer Qualität waren.

Alles gute Ideen, aber noch nicht der zündende Funke, der die Wahl entscheiden würde. Dann war es Jester, der den ersten Volltreffer landete. Die freiwilligen Wahlhelfer, jene die in der Stadt das Rückgrat der Sozialisten waren, jene die ihre Mitmenschen mitrissen und die Wahl katalysierten ausschalten. Manche gewannen im Preisausschreiben, andere fingen sich einen Salmonellen Virus ein und weitere ähnlich gelagerte Möglichkeiten standen im Raum.

Dann war es an mir zu brillieren. Schon zuvor hatte ich vorgeschlagen ein politisch brisantes Werk zu fälschen und den richtigen Stellen zuzuspielen, um z. B. die Umweltaktivisten in Verruf zu bringen und somit indirekt die Wahl zu entscheiden. Doch dabei gab es zu vieles zu bedenken, die Fälschung musste gut sein, das würde kosten und außerdem mussten die Wählerströme prognostiziert werden, schließlich wollten wir ja einen positiven Effekt erzielen und nicht aus Versehen den Wahlkampf der Sozialisten ankurbeln.
Warum dann nicht direkt die Sozialisten angehen? Zu riskant, dass würde sicherlich Stadtrat Müllers Ruf schaden und Stadtrat Hess hatte sehr klar gemacht, dass er solches nicht dulden würde.
Endlich dann der Durchbruch. Redmond!!!
Ihr fragt euch jetzt sicher, was denn der Nachbarbezirk mit der Wahl in Renton zu tun hat und werdet gleich überrascht aufstöhnen. Was wenn in Redmond ein internes Parteipapier erscheinen würde, dass vorschlägt Bezirke zusammenzulegen, um angeblich Verwaltungskosten zu sparen. Eine Datei die vorschlägt Renton und Redmond zu vereinen. Ausgerechnet Redmond, einen der ärmsten Bezirke, wo jeder anständige Bürger sofort fürchten müsste, dass seine sauer verdienten Steuern armen Schluckern in den Rachen geworfen würden. Vielleicht ja auch gekoppelt mit der subtilen Andeutung dafür sorgen zu wollen, SINlose erneut in die Gesellschaft einzugliedern. Ein Fass ohne Boden, dass jeden anständigen Bürger schocken und in die Arme der artig wartenden Konservativen treiben würde.
Der Gedanke wurde gar noch besser, als ein kurzer Blick in die Matrix ofenbarte, dass eine sozialistische Menschenrechtlerin Bürgermeisterin Redmonds war. Die fingierte Datei läge direkt auf ihrer Linie, wäre also umso glaubhafter und wenn die Presse in Redmond einfallen würde, wäre beinahe garantiert, dass sie die Gelegenheit nutzen würde, um sich zu profilieren und ihre ziele voranzutreiben. Selbst wenn sie so zurückhaltend und diplomatisch wäre, wie nur denkbar, wären ihre Worte so radikal, dass es einfach zu einer Wählerwanderung kommen musste, einer Wählerwanderung hin zu den Konservativen, die all diesen radikalen Unsinn ablehnten, wohingegen die Sozialisten ja nun offenkundig mit dieser Wahnsinnigen liebäugelten.
Als kleines Bonbon obenauf kam die Tatsache, dass ein solcher Run eher ein Spaziergang werden würde. Das Wahlbüro in Redmond war ganz sicher nur rudimentär bewacht, die Hardware veraltet und niemand würde sich besonders darum bemühen unsere Datei als externe Fälschung zu entlarven, nicht wo sie doch so gut ins Parteiprogramm passte.

Jester grinste über beide Ohren und auch mir stahl sich ein selbstzufriedenes Lächeln aufs Gesicht. Bald würden wir auf der Siegesfeier des neuen Bürgermeisters stehen und uns, über ein Glas edlen Wein hinweg, zuprosten.

Beglückt nahm ich zur Kenntnis, wie mir Jester eine Flasche edlen Whiskey reichte, einen Tropfen, den ich seit fast fünf Jahren nicht gekostet hatte und den ich mir für einen ganz besonderen Augenblick aufheben würde, um ihn dann gemeinsam mit meinen neuen Freunden zu genießen.

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Zagroschim

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